»Amira« bedeutet Prinzessin, und Amira ist schön wie eine Prinzessin. Vierzig junge Männer möchten sie heiraten. Das sind so viele, wie die Halskette ihrer Großmutter Perlen hat. Aber nicht alle Perlen sind gleich, man muss schon genau hinsehen, um die Edelsteine von den unechten zu unterscheiden, sagt ihre Großmutter. Und genau so verhält es sich auch mit den jungen Männern. Amira entdeckt bei beinahe jedem etwas, was ihr nicht gefällt. Als schließlich nur noch drei übrig bleiben, gibt ihr die Großmutter noch einen Rat: »Kamele, Silber- und Goldmünzen sind nicht von Dauer. Wähle den, der dir die schönste Geschichte erzählt.«
Die Kunst des Geschichtenerzählens hat Salim Alafenisch von seiner Mutter gelernt. Im Zelt seines Vaters, in dem Recht gesprochen und Gäste empfangen wurden, nahm er die Traditionen seines Stammes in sich auf und trägt sie nun weiter. In seinen Geschichten, die sich an diesem Nachmittag an die Kinder richten, erzählt er vom Alltagsleben der Nomaden, von Sitten und Bräuchen der Stämme, von der Geschichte seines Volkes, aber auch vom Zusammenprall von Tradition und Moderne. Zu der geschilderten Welt gehören nicht nur das ungebundene Leben der Beduinen, Zelte und Lagerfeuer, Familienfeste, der nächtliche, zum Träumen anregende Sternenhimmel und die vielfältigen Zeremonien beim Ausschenken des gewürzten Kaffees. Er berichtet ebenso vom Umzug aus dem Zelt in ein steinernes Haus, von den Veränderungen, die der Bau des Suezkanals und die Ankunft von Kolonialbeamten mit ihren neuartigen Gesetzen mit sich brachten. Als bleibende Erinnerung eines in der Wüste geborenen Jungen nennt Salim Alafenisch die Nächte unter einer gemeinsamen Decke mit zweien seiner Geschwister. Der jahrelange allnächtliche Kampf um den Platz in der Mitte habe seine Jugendjahre geprägt – und augenzwinkernd schlägt er den Bogen zur westlichen Welt, in der sich die Politiker auch um den Platz in der Mitte streiten.
Salim Alafenisch wurde 1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren. Als Kind hütete er die Kamele seines Vaters, mit vierzehn Jahren lernte er Lesen und Schreiben. Nach dem Gymnasium in Nazareth und einem einjährigen Aufenthalt in London studierte er Ethnologie, Soziologie und Psychologie an der Universität Heidelberg. Seit Langem beschäftigt er sich mit der orientalischen Erzählkunst. Er liest seine Geschichten nicht vor, sondern erzählt sie frei. Salim Alafenisch lebt in Heidelberg. In zahlreichen Lesungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen vermittelt Salim Alafenisch ein eindrückliches und lebendiges Bild der Beduinenkultur.